Frank Finanz: 10 Prognosen bis 2030 - Frank Finanz 2021

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Dieser Artikel der "Capital Group" erschien am 23.7.2021 bei
Fonds Professionell
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Capital Group:
Zehn Prognosen für die nächsten zehn Jahre

Das Jahr 2030 mag noch weit weg erscheinen, dennoch denkt die Capital Group bereits intensiv über das kommende Jahrzehnt nach. Die Investmentgesellschaft beleuchtet zehn der spannendsten Entwicklungen in diesem Zeitraum.
"Für mich ist wichtig, wie die Welt 2030 aussieht. Die durchschnittliche Haltedauer in meinen Portfolios beträgt acht Jahre. Ohne Langfristprognosen geht es nicht", ist Robe Lovelace, Aktienportfoliomanager der Capital Group mit 35 Jahren Erfahrung, überzeugt. "Ich weiß, dass die meisten Investoren langfristige Ziele haben, etwa die Finanzierung ihres Ruhestandes und die Ausbildung ihrer Kinder. Und doch haben nur wenige Investmentstrategien einen Horizont von mehr als ein oder zwei Jahren."
1. Im Gesundheitsbereich stehen gigantische Innovationen bevor
Rich Wolf, Aktienportfoliomanager: "Star Trek schildert eine ferne Zukunft, in der Forscher ausgestattet mit modernster Technologie in fremde Galaxien reisen. Man nutzt einen tragbaren 'Tricorder', der die Vitalparameter seines Besitzers ausliest, eine Diagnose stellt und eine Behandlung vorschlägt– alles in wenigen Minuten. Ich glaube zwar nicht, dass wir 2030 Tricorder haben, aber viele von uns dürften Geräte besitzen, die das Blut analysieren, das Herz überwachen und im Schlaf unsere Atmung kontrollieren. Manches davon gibt es schon heute. Im Gesundheitssektor werden wir eine enorme Innovationswelle erleben, mit neuen Chancen für Unternehmen. Vielleicht sinken die Kosten, aber noch wichtiger ist der Patientennutzen. Durchbrüche in der Diagnostik werden helfen, Krankheiten früher zu erkennen oder zu behandeln, bevor sie weiter fortschreiten. Illumina, ein Hersteller von DNA-Sequenzierautomaten, und das Forschungs- und Technologieunternehmen Thermo Fisher Scientific bieten Pharmakonzernen vielfältige Dienstleistungen. Mit am spannendsten ist die Flüssigbiopsie (Liquid Biopsy): Im Blut lässt sich Krebs bereits in einem sehr frühen Stadium erkennen. Zuletzt ging es naturgemäß vor allem um Corona und die Impfstoffentwicklung. So wichtig dies ist, so sehr interessieren uns auch die langfristigen Perspektiven. Kann sich die Gesundheits-versorgung neu erfinden? Und wie können wir darin investieren?"
2. Krebs könnte bald heilbar sein
Cheryl Frank, Aktienportfoliomanagerin: "Krebs ist vielleicht schon sehr viel früher heilbar, als Sie denken. Spätestens 2030 könnte es dank Stammzellentherapie bei manchen Krebsarten so weit sein. Auch dürfte es dann verlässliche Tests geben, um Karzinome frühzeitig diagnostizieren und lokalisieren zu können. Dann könnte Krebs als Todesursache weitgehend passé sein. Deutlich niedrigere Kosten und der wissenschaftliche Fortschritt haben bewirkt, dass heute erheblich mehr geforscht wird. Forschung und Entwicklung erleben eine Renaissance, und die Unternehmen investieren viel, um Krebs und andere Krankheiten mit neuen Konzepten zu besiegen. Mit Gentherapien kann man Leben verlängern, und Unternehmen können damit Milliarden verdienen. Es würde mich nicht wundern, wenn die Pharmaforschung auch außerhalb der USA große Fortschritte macht. Viele umsatzstarke Medikamente könnten 2030 aus China kommen. Nirgendwo sonst gibt es so viele Krebspatienten, und klinische Tests sind in China wesentlich einfacher. Ich glaube, dass China in fünf oder zehn Jahren mit der Produktion neuer Medikamente beginnt und sie dann in den USA zu einem Zehntel der bisher üblichen Kosten anbietet."
3. Bargeld kennt man nur noch aus dem Geschichtsbuch
Jody Jonsson, Aktienportfoliomanagerin: "Ich glaube, dass digitale Zahlungen in zehn Jahren die Norm sein werden. Wenn Sie bar zahlen wollen, werden Sie wahrscheinlich schief angeguckt. In den Entwicklungsländern kennen wir das schon seit Jahren. Viele Verbraucher hatten hier nämlich kein Konto, aber ein Mobiltelefon. Entsprechend offen waren sie für mobile Zahlungen. Corona sorgt jetzt weltweit für Auftrieb, auch in Ländern, wo digitale Zahlungen bislang nicht üblich waren. Nach der Krise dürften sie sehr viel mehr Menschen keine Schwierigkeiten mehr machen. Sie werden dann wohl weniger Bargeld brauchen. Je mehr sich die Verbraucher an die neue Technologie gewöhnen, desto besser ist es für international tätige Unternehmen. Auch kleinere Händler aus Ländern wie Brasilien, in denen mobile Bezahlplattformen üblich sind, sind schon jetzt stark gewachsen."
4. Halbleiter sind allgegenwärtig
Steve Watson, Aktienportfoliomanager: "Es heißt, dass nur etwa zehn Prozent alles Messbaren wirklich gemessen wird. Ich wäre auch nicht überrascht, wenn es nur ein Prozent wäre. Eines aber wird in zehn Jahren völlig anders sein als heute: die Nutzung von Halbleitern, um immer mehr Bereiche unseres Alltags zu überwachen. Oft werden wir dazu Geräte nutzen, die es schon heute gibt: Telefone und Tablets, Autos, Unterhaltungselektronik und vieles mehr. Tragbare Technologie wird sehr viel komplexer sein, und sie wird uns helfen, unser tägliches Training, den Schlaf und die Gesundheit zu überwachen. Die Technik kennen wir, aber wir werden sie auf eine Art und Weise nutzen, wie es heute noch unmöglich ist. Autos enthalten jedes Jahr mehr Elektronik. Der jüngste weltweite Mangel an Chips zeigt, wie abhängig die Automobilbranche mittlerweile von ihren Herstellern geworden ist. Je autonomer die Fahrzeuge werden, desto komplexere Bauteile brauchen sie, um sicher und effizient zu sein. In den nächsten zehn Jahren dürften Chiphersteller viele Überstunden machen, um die hohe Nachfrage unterschiedlicher Branchen zu befriedigen. Mich interessieren Firmen, die der Markt vielleicht noch unterschätzt, die aber mit ihren bahnbrechenden Ideen den Alltag verändern."
5. Tragbare Technologie schafft eine neue Realität
Mark Casey, Aktienportfoliomanager: "Wenn ich über die Zukunft nachdenke, fällt mir Babelfisch aus dem Science-Fiction-Klassiker 'Per Anhalter durch die Galaxis' ein. Wenn Sie den kleinen, leuchtend gelben Fisch in Ihr Ohr setzen, fängt er in der Umgebung die Gehirnströme ein. Sie können dann jeden Menschen verstehen, auch wenn Sie seine Sprache nicht kennen. In zehn Jahren rechne ich mit Technologien, die Übersetzungen in Echtzeit möglich machen. Vielleicht übersetzen drahtlose Ohrhörer die gesprochene und intelligente Brillen die geschriebene Sprache. Das könnte den Tourismus revolutionieren, Menschen das Reisen erleichtern und es ihnen vielleicht sogar ermöglichen, in Ländern zu leben, deren Sprache sie nicht beherrschen. Verbesserungen bei lernenden Maschinen, kluge tragbare Technologie und Augmented Reality könnten ebenfalls nützlich sein. Stellen Sie sich einmal vor, Ihre intelligente Brille hat ein Overlay, das Ihnen den Namen des Menschen sagt, der Sie gerade begrüßt– vorausgesetzt, Sie haben ihn bereits getroffen –, und gleich noch hinzufügt, wann und wo die letzte Begegnung war. Die Apple Watch und Fitbit von Google sind schon heute recht nützlich. Ich bin gespannt, welche neuen Funktionen sie und ihre Wettbewerber bis 2030 entwickeln."
6. Digitale Unterhaltung setzt sich durch
Brad Barrett, Investmentdirektor und Aktienanalyst: "Content is King, heißt es. Aber die Plattform ist das Königreich. Covid-19 hat dem Streaming enormen Auftrieb gegeben, und doch steht es vielleicht erst am Anfang. Etwa ein Drittel aller Inhalte werden zurzeit über Streamingdienste abgerufen. 2030 könnten es über 80 Prozent sein. Streaming hat zwei entscheidende Vorteile: Es ist besser und billiger als klassisches Fernsehen. Ich glaube nicht, dass sich dies ändert. Der Netzwerkeffekt kann sehr wirksam sein. Je größer eine Streamingplattform wird, desto mehr kann sie in Inhalte investieren. Dadurch sinken die Kosten, und es finden sich noch mehr Nutzer. Aufgrund von Skaleneffekten und hohen Markteintrittsschranken rechne ich damit, dass die erfolgreichsten Unternehmen marktbeherrschend werden. In sie möchte ich investieren. Auch die Videospielbranche dürfte in den nächsten zehn Jahren weiter explosiv wachsen. Auch glaube ich, dass virtuelle Realität und Augmented Reality mehr Mainstream werden. Wenn sich die Technologie weiterentwickelt, könnte man sich wie bei einem Livekonzert, einer Sportveranstaltung oder Show fühlen, aber vermutlich zu einem Bruchteil der Kosten."
7. Autonomes Fahren setzt zum Überholen an
Chris Buchbinder, Aktienportfoliomanager: "Ich glaube, dass wir 2030 in den Metropolen große Flotten autonomer Elektrofahrzeuge haben werden. Ein eigenes Auto, für viele heute eine Notwendigkeit, wird dann zum Luxus. Viele Menschen werden noch immer mit dem Auto unterwegs sein, so wie andere reiten oder Rad fahren. Auch in amerikanischen Großstädten werden Autos aber nicht mehr das wichtigste Verkehrsmittel sein. Ich glaube, dass der Markt dies noch nicht vollständig erfasst hat. Zurzeit sind die Marktführer Töchter anderer Unternehmen, etwa Waymo, das zu Alphabet gehört, Zoox von Amazon oder die Cruise-Sparte von GM. Ein Investor kann also nicht rein auf autonomes Fahren setzen. Doch wenn die elektrischen Fahrzeugflotten wachsen, wird der Markt die Chancen neu bewerten und erkennen, dass es sich um ein echtes Geschäft und nicht nur um ein Forschungsprojekt handelt. Bei Autos wird es mehr auf die Bauteile und weniger auf die Endmontage ankommen. Gewinner wird es daher in vielen Branchen geben. Auch glaube ich, dass 2030 Hybridmotoren und Brennstoffzellen in Passagierflugzeugen eingesetzt werden und sich in den folgenden fünf bis zehn Jahren immer mehr durchsetzen. Weltweit können die Emissionen erheblich zurückgehen, wenn auf den Straßen autonome Elektroautos fahren und Flugzeuge nicht mehr mit Kerosin, sondern mit einer Mischung aus Öl, Elektrizität und Wasserstoff betrieben werden."

8. Grüne Fahrzeuge beherrschen die Straßen
Kaitlyn Murphy, Aktienanalystin: "Weltweit dürfte der Elektroautoabsatz in den nächsten zehn Jahren um jährlich 28 Prozent wachsen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass diese Schätzung zu konservativ ist. Der enorme Rückgang der Batteriekosten sowie Neuentwicklungen können Elektrofahrzeuge kosteneffizient machen – nicht nur gegenüber gasbetriebenen, sondern auch allen anderen Fahrzeugen, einschließlich Gebrauchtwagen. Allein in den USA fahren 270 bis 280 Millionen Autos. Langfristig könnte das Wachstum noch sehr viel stärker sein als erwartet. Gerade erst hat GM mitgeteilt, spätestens 2035 nur noch Elektroautos zu produzieren – ein Wendepunkt für die Branche. Kurz darauf folgte Volvo mit dem Versprechen, schon 2030 so weit zu sein. Eine Innovation, die nicht nur Kosten spart, sondern für eine völlig neue Nutzererfahrung sorgt, sind softwaredefinierte Elektroautos. Die Software wird drahtlos aktualisiert, um sie zu verbessern und sicherer zu machen. Außerdem sorgt sie für Bordunterhaltung. Durch solche Updates kann ein Auto fünf Jahre nach dem Kauf vielleicht mehr leisten als zu Beginn. So können Elektroautohersteller den oft großen Wertverlust aufhalten. Als Investor möchte ich Firmen finden, die nicht nur mit dem Verkauf von Autos Geld verdienen, sondern auch erfolgreiche Abomodelle anbieten – für Batterien, Unterhaltung an Bord, Sicherheitsupdates und die Technologie für autonomes Fahren."
9. Erneuerbare Energien werden die Welt versorgen
Noriko Chen, Aktienportfoliomanagerin: "Ich glaube, dass erneuerbare Energien in den nächsten zehn Jahren enormen Auftrieb bekommen. Wir stehen hier noch ganz am Anfang, ebenso wie beim dafür nötigen Ausbau des Elektrizitätsnetzes. Viele Faktoren können bis 2030, aber auch danach, für Wachstum sorgen. Automatisierung und Künstliche Intelligenz könnten ein goldenes Zeitalter der Erneuerbaren einläuten: Die Kosten fallen, Produktivität und Effizienz steigen. Erneuerbare Energien galten traditionell als teuer, kompliziert und wenig rentabel, aber das ändert sich schnell. Einige klassische Versorger erzielen bereits über 30 Prozent ihres Umsatzes mit Erneuerbaren. Sie gelten heute als Wachstumsunternehmen und nicht mehr als Dinosaurier der Old Economy. Am meisten tut sich in Europa. Ich denke hier an Enel in Italien, E.ON in Deutschland und Ørsted in Dänemark. Einige europäische Regierungen haben ehrgeizige Dekarbonisierungsziele. So verlangt die Erneuerbare-Energien-Richtlinie, dass in der Europäischen Union 2030 mindestens 32 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen stammen sollen."
10. Innovative Unternehmen sorgen für eine bessere Welt
Anne-Marie Peterson, Aktienportfoliomanagerin: "Als Growth-Investor interessieren mich Firmen, deren Produkte und Dienstleistungen die Welt voranbringen. Viele Innovationen von heute haben das Potenzial dazu. Dazu betrachte ich Unternehmen in drei Phasen: neue Wachstumsunternehmen, stabile Unternehmen mit Langfristpotenzial und reife Unternehmen, die ihren Kapitalstock optimal nutzen. Fazit ist, dass wir in einer Zeit enormer Veränderungen leben. Und Veränderungen sind Chancen für aktive Investoren wie uns. Nehmen wir den Einzelhandel. Früher brauchte man viel Kapital und eine IT-Abteilung, um ein Handelsunternehmen zu betreiben. Jetzt gibt es sehr viel neue Backend-Infrastruktur, die Kundenkontakt und Lagerverwaltung erleichtert. Kleinere und mittlere Unternehmen können davon profitieren. In nur 15 Minuten kann man einen Onlinehändler gründen. Ich rechne auch mit einer Demokratisierung des Gesundheitswesens. Durch Telemedizin und Robotik kann ein Spezialist in Japan einen Patienten in Nebraska behandeln. Jeder kann Zugang zu führenden Experten haben, wo auch immer er oder sie lebt. Die Technik ist da, sie muss nur genutzt werden. Dies kann Behandlungen verbessern, Kosten senken und Leben retten."

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